Beim Blasensprung liegend in die Klinik?

Schwangerenbauch mit Händen

Beim Blasensprung liegend in die Klinik fahren! Wie sinnvoll ist diese Empfehlung?

Martina ist besorgt. Sie ist in der 37. Schwangerschaftswoche. Beim letzten Kontrolltermin bei ihrer Frauenärztin stellt diese fest, der Kopf ihres Baby stünde noch hoch und befinde sich nicht im Beckeneingang. Hätte sie jetzt einen vorzeitigen Blasensprung, so müsse sie sich hinlegen und liegend in die nächste geburtshilfliche Klinik transportiert werden. So lautet bisher die ärztliche Empfehlung.

Die Nabelschnur könnte abgeklemmt werden

Warum gibt es diese Empfehlung?  Weil die Nabelschnur im Falle eines hochstehenden kindlichen Kopfes oder Steißes durch den vorangehenden Teil des Kindes abgeklemmt werden könnte.

International ist diese Empfehlung eher unbekannt

Doch sorgt diese Empfehlung bei Müttern, wie Martina regelmäßig für Verunsicherung. So fragen sie immer wieder in Foren nach, unter welchen Umständen der Liegendtransport notwendig sei. Vor allem ist die Empfehlung in vielen Ländern gänzlich unbekannt, wie eine Untersuchung der Hebamme Claudia Oblasser im Jahr 2006 ergab (1).

Zudem entstehen durch die vielen Krankenwagenfahrten nicht unbeträchtliche Transportkosten.

Ist die Empfehlung zum Liegendtransport in die Klinik bei vorzeitigem Blasensprung noch zeitgemäß?

Mit dieser Frage haben sich die Gynäkologen Hermsteiner, von Waldenfels und Maul in einem Übersichtsartikel mit dem Titel “ Liegendtransport bei Blasensprung – ein alter Zopf?! “ beschäftigt. Ihre Arbeit erschien in der  aktuellen Juli-Ausgabe der Zeitschrift Frauenarzt. Diesen Artikel möchte ich hier vorstellen.

Wie oft kommt es überhaupt zu einem Vorfall der Nabelschnur (NSV)?

Die Häufigkeit für einen NSV wird in der Literatur mit 0,14-0,62 % aller Entbindungen angegeben. Jedoch ereignen sich nur 2% der NSV außerhalb von Kliniken. Auch ein vorzeitiger Blasensprung ist bei reifem Kind mit 8% der Schwangerschaften eher selten, fanden die Autoren der Übersichtsarbeit bei ihren Recherchen zur Sinnhaftigkeit des Liegendtransportes heraus (3).

Das zeigt, wie unwahrscheinlich es ist, im Rahmen eines vorzeitigen Blasensprunges einen Vorfall der Nabelschnur zu erleiden.

Gibt es dennoch Konstellationen, wo ein Nabelschnurvorfall häufiger vorkommt?

Ja, wenn das Kind in Beckenendlage oder in Querlage liegt. Ausserdem wenn eine Mutter bereits sehr viele Kinder bekommen hat, sehr reichlich Fruchtwasser vorhanden ist (Polyhydramnion) oder bei einem Blasensprung in einer sehr frühen Schwangerschaftswoche. (3)

Die nächste Frage lautet: Können durch den so genannten „Liegendtransport“ Nabelschnurvorfälle überhaupt verhindert werden? 

Bisher konnte dies durch keine Studie nachgewiesen werden, denn es wurde noch nie unter Studienbedingungen untersucht (3).  Zudem zeigte Oblasser, dass selbst geburtshilfliches Fachpersonal nur zur Hälfte an die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahme glaubt (1).

Und die Mütter?

Noch schlechter sieht es mit der so genannten „Compliance“ der Mütter aus.  Die Autoren der genannten Übersichtsarbeit fanden zwei Studien, die sich damit beschäftigten, ob sich Mütter an die Empfehlung des Liegendtransportes halten (1,2). Das taten weniger als 10% von ihnen.

Demnach sieht es also so aus, als könne die Empfehlung des Liegendtransportes unter anderem deshalb nicht weiter aufrecht erhalten werden, weil ein Vorfallen der Nabelschnur insgesamt sehr selten ist.

Und was schlussfolgern die Autoren?

Sicherheitshalber möchte ich dies wörtlich wiedergeben:

„Die Empfehlung, Frauen sollten bei nicht ins Becken eingetretenem kindlichem Köpfchen im Falle eines Vorzeitigen Blasensprunges einen Liegendtransport anfordern, kann zumindest für Schwangerschaften oberhalb der 36. Schwangerschaftswoche und bei Schädellage des Kindes nicht aufrecht erhalten werden.“ (3)

Die Frage, ob durch den Liegendtransport ein Nabelschnurvorfall überhaupt verhindert werden kann, können die Autoren nicht beantworten.

Kommt es zum Nabelschnurvorfall (NSV) bleibt nur, die Schwangere unmittelbar in eine geburtshilfliche Klinik zu transportieren. Die einzige zielführende Maßnahme bei einem NSV ist die sofortige Schnittentbindung.

 

  1. Oblasser, Claudia, „Hinlegen und Liegendtransport nach Blasensprung“, Die Hebamme 2006; 19:90-96
  2. Nikolajsen IL, “Should pregnant women at term with supposed ruptured membranes and unengaged fetal head be transported to the delivery room lying down?” Ugeskr Laeger. 2003 Nov 17;165(47):4530-3
  3. Hermsteiner M., von Waldenfels H.-A., Maul H. Liegendtransport beim Blasensprung-ein alter Zopf?!, Frauenarzt 58 (2017), Nr. 7, p: 556-558

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