„Das Kind muss raus!“ Notkaiserschnitt!!!

Andrea* ist Hebamme in Ausbildung. In diesem Gastbeitrag schildert sie, wie sie einen Notkaiserschnitt erlebt hat.

Das Kind muss raus

Diesen Satz hörte letzte Woche Familie Ö. Familie Ö. war bei uns, um endlich ihre erste Tochter Hamiyet in Empfang zu nehmen.

Hamiyets Vater sagt diesen Satz in den darauffolgenden Tagen sehr oft. „Das vergesse ich nicht, diesen Satz – Das Kind muss raus, und dann dieses Chaos, dieses furchtbare Chaos. „

Hamiyet wurde per Notkaiserschnitt geboren. Alles war wunderbar, Ihre Mutter hatte zuvor eine PDA erhalten und war nun fast schmerzfrei. Sie witzelte mit ihrem Mann und freute sich so sehr auf ihre Tochter. War gespannt und neugierig.

Jetzt geht alles ganz schnell

Doch dann fielen Hamiyets Herztöne rapide ab, und erholten sich nicht mehr. Minutenlang nicht. Natürlich mussten die Hebammen und Ärzte handeln, und natürlich fiel der Satz „Das Kind muss raus“. Dieser Satz, der jedem der sich im Raum befand einen Schauer über den Rücken jagte. Jetzt geht alles ganz schnell. Alle wissen – im schlimmsten Falle geht es jetzt um Leben und Tod.

Der Alarm wird ausgelöst, es trudeln unglaublich viele Menschen im Kreißsaal ein. Ärzte, Anästhesisten, Kinderärzte, OP Schwestern, und noch viele mehr….

Da ist einfach nur ein schwarzes Loch

Hamiyets Vater weint. Er wird rausgeschickt, natürlich nicht alleine. Er wird umsorgt, denkt aber dass er nun stundenlang dort sitzen muss, im Ungewissen. Seine Frau bekommt von allem nicht mehr viel mit. Eine Hebamme kümmert sich um sie, das ist so gut und wichtig. Trotzdem erreicht ihr Körper einen Stresspegel der ihn nur noch auf „Not aus“ schalten lässt. Sie wird sich im Nachhinein an nichts erinnern. Nicht an die Wehen davor, nicht an die PDA, nicht an die Witze…und schon gar nicht an das folgende Geschehen. Da ist einfach nur ein schwarzes Loch. Die Geburt ihres Kindes ist ein schwarzes Loch.

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Alles ist gut. Doch der Schock sitzt tief.

Hamiyet geht es gut. Sie ist wunderschön, kräftig und topfit. Ich bin ungefähr die dritte Person die sie in Händen halten darf, nach dem Oberarzt der sie aus dem Bauch hob und die Hebamme die sie in Empfang nahm. Ich ziehe sie an, ihr Vater ist dabei, völlig am Ende mit den Nerven. Ich versuche ein paar tröstende Worte zu sagen, ermuntere ihn Bilder zu machen, zu telefonieren, sag ihm, in wenigen Sekunden wird er sie halten und lange nicht mehr loslassen. Alles ist gut. Doch der Schock sitzt tief.

Alles gut?

Ich hole seine Frau mit einer Kollegin aus dem Aufwachraum ab, da strahlt sie, was ich ganz unwirklich finde.

„Hab ich geschlafen? Ich habe geschlafen“ sagt sie ganz verträumt, noch ziemlich benebelt, aber wohl in ganz gutem Zustand. Ich sage ihr, dass sie eine wunderschöne Tochter hat, die im Arm ihres Vaters sehnsüchtig auf sie wartet.

Oben darf ich die Eltern noch betreuen, ganz viel Bonding, die Mutter behutsam waschen, beim anlegen helfen. Endlich alles gut. Alles gut?

Wie empfinden Eltern in solch einer Situation? Wie empfinden Mütter, die einschlafen mit dem Gedanken, dass ihr Kind vielleicht nicht gerettet werden kann? Die solch eine Panik haben, dass sie sogar einen Blackout erleiden?

Und ich habe selbst erlebt, dass es anders gehen kann!

Heute frage ich mich immer noch, wie hätte es anders laufen können? Gibt es überhaupt andere Möglichkeiten? In einer solchen Notsituation?

Leider bin ich als Schülerin nicht in einer Position die viel Gehör findet. Deswegen schreibe ich diesen Artikel. Ich bin nämlich auch Mutter. Und ich habe selbst erlebt, dass es anders gehen kann!

Bei mir lauteten die Sätze zwar ganz ähnlich – aber doch so anders. Eigentlich ganz anders.

„Ihr Kind möchte jetzt geboren werden“,

sagte die Hebamme zu mir, während sie ganz ruhig, fast schon lässig irgendwelche Knöpfe drückte. Die Herztöne meines Sohnes waren schon minutenlang auf 60. Auch der Oberarzt war ruhig. Die Kinderärztin auch.

Alle waren völlig ruhig.

Ein Arzt kristellerte „auf eine sehr sanfte Art und Weise“, ich wurde geschnitten, und dann setzte der Oberarzt die Kiwi an (eine kleine Saugglocke) es musste auch schnell gehen – aber es war zu keiner Zeit hektisch oder Panik zu spüren.

Danach war ich allen so dankbar.

Ich kann an die Geburt zurückdenken, ohne einen Stein im Magen zu haben, und ohne dass irgendein Gefühl der Panik wieder aufflackert.

Bei Familie Ö. sieht das anders aus. Mindestens an jedem Geburtstag der kleinen Hamiyet denken die Eltern an ihre Geburt zurück. Wahrscheinlich jedoch viel viel öfter.

Eigentlich wünsche ich mir für alle werdenden Eltern, dass dieser Satz „Das Kind muss raus“ aus den Kreißsälen verschwindet. Und die dazugehörige Hektik.

Auch wenn es in diesem Moment Fakt ist. Doch kein Satz setzt sich so in den Köpfen der Eltern fest, kein anderer Satz schafft es, dieses Schauern auszulösen.

Und ich frage mich, wenn in diesem Falle alle einen Gang runter schalten, kommt das Kind trotzdem genauso schnell zur Welt? – weil sich das Team nicht gegenseitig über den Haufen rennt und sich gegenseitig im Wege steht?

Natürlich ist das viel verlangt, in einem Notfall einen kühlen Kopf zu bewahren – ich denke mir aber, dass es sich lohnt. Auch dem Team gibt es ein gutes Gefühl, wenn Panik vermieden werden konnte.

Für die Eltern verändert es alles. Aus der Geburt wird kein Notfall, sondern es bleibt eine Geburt.

 *(Andrea ist nicht der richtige Name dieser Hebammenschülerin. Sie möchte gern anonym bleiben.)

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Ute, liebe Andrea!

    Danke für diesen Artikel!

    Er zeigt, wie wichtig Kommunikation mit der Gebärenden und dem Ehemann auch während einer Akutsituation ist. Und ja, auch dann ist es möglich, trotz Zeitmangel, dies zu tun.

    Für die Eltern bedeutet die Nicht-Kommunikation (verbal und non-verbal), dass sie sich alleine gelassen fühlen und die Angst noch größer ist. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit traumaspezifische Symptome zu entwickeln.

    Lieben Gruß,
    Tanja

  2. Danke für diesen Text!
    Ich habe im Juni ähnliches erlebt.
    Ich war in der 31+3 SSW und abends zum Kontroll-CTG in den Kreissaal gerufen wurden.
    Zuerst war alles in Ordnung. Ich habe noch mit meinem Mann per WhatsApp geschrieben der ungefähr eine halbe Stunde vorher mach Hause gefahren war. Wir haben gewitzelt und über den nächsten Tag geschrieben.

    Plötzlich war ein Fragezeichen auf dem Monitor zu sehen, wo eigentlich die Herztöne angezeigt werden sollten. Im ersten Moment habe ich mir nichts dabei gedacht. Ich dachte: „ hat er sich wahrscheinlich gedreht oder es ist was verrutscht.“ Habe dann meinem Mann noch ein Foto davon geschickt.
    Wenige Augenblicke später kam die erste Hebamme ins Zimmer gestürzt. Sie hat dann mit den Kontakten den Herzschlag gesucht. Dann rief sie schon nach einer Assistenzärztin, damit sie mir ein Medikament spritzen sollte, welches meinen Herzschlag erhöhen und das Kind somit besser versorgen sollte. Dann stellten sie fest, dass ich noch nicht mal einen Zugang hatte, so dass sie den auch erst noch gelegt haben.

    Dann kam die zweite Hebamme rein. Sie fragte wie es aussieht. Die Assistenzärztin hatte die blanke Panik in den Augen. Sie wurde sehr hektisch und rief die Säuglingsintensivstation, den OP und ihren Oberarzt an. Die zweite Schwester war da bereits auf dem Weg mein Bett von der Station zu holen.
    Irgendwann kam dann der Oberarzt mit einem Ultraschallgerät angeflitzt. Er schaute dann kurz, stellte fest, dass sie der Zustand des Kleinen nicht verbessert hatte. Die Herztöne waren laut Ultraschall bei unter 70 Schlägen/Minute. Er sagte:“ wir müssen in den OP. Sofort!“

    Ich habe das alles nicht verstanden. Ich hatte das Gefühl im Film zu sein. Es war nur hektisch. Durch das Medikament wurde mir ganz ekelig. Ich bekam Schweißausbrüche und war total am zittern. Ich wollte meinen Mann anrufen, durfte aber nicht. Ich bekam nur gesagt:“ dafür haben wir keine Zeit.“ Daraufhin meinte ich:“ er ist doch in 10 Minuten da. Das ist nicht weit.“ und dann kam der Satz den ich nie vergessen werde. Die Hebamme sagte mir dann:“ Wir haben aber keine 10 Minuten mehr.“
    Mir wurde dann die Hose ausgezogen und mich auf der seiteliegend ins Bett gelegt. Wir sind dann im Laufschritt zum Aufzug und in den OP gefahren. Mit im Aufzug nur der Oberarzt. Keine Hebamme, kein vertrautes Gesicht.

    Im OP dann noch mehr Stress. Massenhaft viele Leute. Der eine hat an meinem Ohr gewerkelt. Der nächste am Arm. Die andere hat die Blase geleert, der Oberarzt hat eine Schnelldesinfektion durchgeführt. Ich hatte da bereits die Sauerstoffmaske übers Gesicht gehalten bekommen. Das einzige was ich die ganze Zeit sagen konnte war:“ das ist viel zu früh. Er ist viel zu klein.“
    Das hat niemanden interessiert. Mir hat niemand zu gesprochen, mich ermutigt oder gar etwas getröstet. Nein! Ich war auf mich allein gestellt.
    Dann kam für mich ein noch schlimmerer Satz von Seiten des Oberarztes. Er sagte zur Anästhesie:“ weg mit ihr!“ Als wäre ich einfach ein Stück Fleisch, kein Mensch.

    Mein Sohn wurde 8 Minuten nach feststellen der Bradykardie mit 1640g und 43 cm Körperlänge geboren. 8 schlimme Minuten, die ich wahrscheinlich nie vergessen werde.

    Das nächste, an was ich mich erinnere ist die Leere. Die Leere in mir. Ich habe im Rausch der Narkose da gelegen, mit unsagbar heftigen Schmerzen und habe auf die Tritte und Bewegungen meines Kindes gewartet.
    Der Kleine wurde unmittelbar nach dem Kaiserschnitt auf die Intensivstation gebracht und dort versorgt. Mein Mann wurde erst 2 Stunden nach dem Kaiserschnitt darüber informiert. Eine Unverschämtheit wie ich finde. Er ist dann als er endlich da war kurz zu mir gekommen und ist dann zu dem kleinen gegangen. Ich habe ihn erst knapp 16 Stunden nach der OP das erste mal gesehen. Auf dem Arm hatte ich ihn nach 6 langen Tagen.

    Er hatte extreme Probleme mit der Atmung. Er hatte eine Atemhilfe mit 60%igem Sauerstoff, eine Magensonde zur Ernährung, einen Zentralenvenenkatether und jede Menge Elektroden zur Überwachung. Es war ein Schock. Er gehörte gefühlt nicht zu mir. Mir fehlte die Bindung. Es war hart!

    Er wurde dann genau 32 Tage nach der Geburt gesund und munter entlassen.

    Heute knapp 8 1/2 Monate kann ich sagen, es geht ihm gut. Er hat nichts zurück behalten.
    Das einzige was geblieben ist, sind meine Gedanken und Gefühle. Ich liege teilweise nachts wach und beschäftige mich immer und immer wieder mit den 8 Minuten.

    Ich hätte mir wirklich mehr Einfühlungsvermögen und Ruhe gewünscht. Hätte mir gewünscht, dass jemand für mich da gewesen wäre. Dass jemand meinen Mann sofort informiert hätte. Ich finde, sowas kann man doch erwarten, oder?

    Ich frage mich, wie soll man sowas verarbeiten? Irgendwann hätte ich schon gerne ein zweites Kind, jedoch begleitet mich bei dem Gedanken auch immer die Frage, wie soll ich damit umgehen? Kann es nochmal so schlimm werden? Kann man sowas zweimal überstehen?

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