Diese fünf Mythen über den Kaiserschnitt sind falsch!

dunkle Landschaft

In den letzten 20 Jahren hat sich die Kaiserschnittrate nahezu verdoppelt. Fragt man Mediziner nach den Gründen, nennen sie meistens diese fünf Ursachen:

  1. Es werden mehr schwere Kinder als früher, geboren. 
  2. Mütter werden immer älter und die Geburten damit risikoreicher.
  3. Die Mütter wollen das so.
  4. Es gibt mehr Mehrlingsschwangerschaften als früher.
  5. Es gibt mehr Frühgeborene als früher. 

Doch gibt es tatsächlich mehr schwere Kinder, mehr Frühgeborene und insgesamt mehr medizinische Gründe für Kaiserschnitte, als früher?

Faktencheck Kaiserschnitt

Im Jahr 2012 veröffentlichte die Bertelsmannstiftung den „Faktencheck Kaiserschnitt“.

Dort wurden die Kaiserschnittraten in Deutschland erfasst und die Ursachen analysiert.

Es zeigten sich große regionale Unterschiede in Deutschland, die man sich zunächst nicht erklären konnte.

Deshalb begannen die Forscher, jene Ursachen genauer zu untersuchen, die gemeinhin für den Anstieg der Kaiserschnittraten verantwortlich gemacht werden. Wir wollen uns die am häufigsten genannten Gründe einmal genauer ansehen.

Mythos und Wirklichkeit

1. Die Kaiserschnittraten steigen an, weil es heute mehr schwere Kinder gibt, als früher.

Im Jahr 2000 wogen 11,6% der Kinder > 4000g und 1,7% der Kinder > 4500g.

Im Jahr 2010 wogen 10,1% der Kinder > 4000g und 1,2% der Kinder > 4500g.

Es gibt heute also weniger Kinder mit hohem oder sehr hohem Geburtsgewicht, als früher.

Der Mythos von den schweren Kindern als Grund für die vielen Kaiserschnitte dürfte damit widerlegt sein. 

2. Mütter werden immer älter, die Geburten folglich risikoreicher und dadurch steigen die Kaiserschnittraten an.

Ersteres ist richtig. Der Anteil älterer Mütter ist in den letzten Jahren leicht angestiegen. 20% aller Mütter waren im Jahr 2010 über 35 Jahre alt. Unter diesen Frauen ist die Kaiserschnittrate mit 34,4% – 40% schon immer ziemlich hoch gewesen.

Aber wider Erwarten gab es die größte Erhöhung der Sectioraten mit  2,5% bei jungen Müttern im Alter zwischen 20 und 25 Jahren. Bei den älteren Müttern zwischen 30 und 40 Jahren betrug der Anstieg nur 1,3%.

Damit läßt sich die Anstieg der Sectioraten auch nicht durch mehr ältere Mütter erklären. 

3. Die Mütter wünschen sich die Kaiserschnitte

Dazu ist es wichtig zu erklären, wie die Definition für einen Wunschkaiserschnitt lautet:

Es handelt sich dabei um einen Kaiserschnitt ohne jegliche medizinische Indikation. Die Entscheidung wurde vor Wehenbeginn von der Mutter getroffen.

Die letzte Erhebung für Deutschland durch die GEK-Studie im Jahr 2006 ergab eine Rate von etwa 2%.

In den USA wurden vergleichbar niedrige Raten erhoben: im Jahr 2005 lag die Rate bei weniger als 1% und im Jahr 2011 lag sie bei 1%. (Cáceres et al., 2013)

Diese niedrigen Raten reichen nicht aus, um die Zunahme an Kaiserschnitten in den letzten 20 Jahren zu erklären. 

4. Es gibt mehr Mehrlingssschwangerschaften als früher und daher mehr Kaiserschnitte.

Ja, die gibt es. Allerdings ist der Anteil der Mehrlingsschwangerschaften insgesamt nur sehr gering und in den letzten Jahren kaum gestiegen.

Im Jahr 2000 lag er bei 1,6% aller Schwangerschaften und im Jahr 2010 bei 1,7% aller Schwangerschaften. Die Kaiserschnittrate allerdings ist mit 77% beträchtlich.

Auf jeden Fall ist der geringe Anteil an Mehrlingsschwangerschaften zu marginal, um die Sectioraten zu beeinflussen. 

5. Es gibt mehr Kinder, die zu früh geboren werden, als früher

In Deutschland liegt die Frühgeburtenrate seit Jahren bei 8-9%. Sie ist im europäischen Vergleich sehr hoch. Allerdings ist sie seit vielen Jahren relativ stabil.

So lag die Frühgeburtenraten in Niedersachsen im Jahr 2000 bei 8,4%, im Jahr 2010 lag sie ebenfalls bei 8,4%. Ein Anstieg ist seit dem Jahr 2000 nicht mehr zu beobachten.

Im Jahr 1990 lag die Frühgeburtenrate noch bei 7,1%. Der Anstieg erfolgte also zeitgleich mit dem Anstieg der Sectiorate. Könnte es also sogar sein, dass sich ein Teil der Frühgeburten auf den Anstieg der Sectioraten zurückführen läßt? Zumindest vermuten dies die Autoren Friese und Kirschner in ihrem Artikel: Ursachen für steigende Raten sind noch unzureichend erforscht zu den Ursachen der Frühgeburtlichkeit in Deutschland.

Die massive Zunahme der Kaiserschnittrate seit dem Jahr 2000 läßt sich also nicht mit einem Anstieg der Frühgeburten erklären. 

Und was dann?

Der Faktencheck Kaiserschnitt belegt, dass die Differenzen in der Kaiserschnittrate in den unterschiedlichen Regionen Deutschlands vor allem durch unterschiedliche individuelle Risikobewertungen der Ärzte zustande kommen. Die relativen Kaiserschnittindikationen wurden in den letzten Jahren ausgeweitet und die Schwelle gesenkt.

So wird in Situationen, wie Beckenendlage, Zwillingsgeburt oder wenn die Mutter bereits einen Kaiserschnitt erlebt hat, sehr häufig ein Kaiserschnitt durchgeführt, obwohl eine natürliche Geburt prinzipiell möglich ist. In der Folge gibt es in vielen Kliniken immer weniger Erfahrung mit komplizierteren natürlichen Geburten.

Sicherlich spielen bei der Ausweitung der Kaiserschnittindikationen auch Haftungsfragen eine Rolle und die Angst vieler Geburtshelfer vor einem schlechten Outcome beim Kind. Dabei steht allerdings immer die aktuelle Geburt im Zentrum der Erwägungen. Die  Langzeitfolgen für weitere Schwangerschaften und Geburten werden bei diesen Überlegungen oftmals ausgeblendet (Lundgren 2016).

 

Literatur:

  1. Cáceres IA1Arcaya MDeclercq EBelanoff CMJanakiraman VCohen BEcker JSmith LASubramanian SV.Hospital differences in cesarean deliveries in Massachusetts (US) 2004-2006: the case against case-mix artifact. 2013;8(3):e57817. doi: 10.1371/journal.pone.0057817. Epub 2013 Mar 18
  2. https://www.baby-care.de/downloads/de-de/2013-friesekirschner-ursachenfrsteigenderatengynkongressfoko13.pdf
  3. Lundgren I1, Healy P2, Carroll M3, Begley C3, Matterne A4, Gross MM4, Grylka-Baeschlin S4, Nicoletti J5, Morano S6, Nilsson C7, Lalor J3. Clinicians‘ views of factors of importance for improving the rate of VBAC (vaginal birth after caesarean section): a study from countries with low VBAC rates. BMC Pregnancy Childbirth. 2016 Nov 10;16(1):350.
  4. BERTELSMANN STIFTUNG (HRSG.), Faktencheck Kaiserschnitt, Kaiserschnittgeburten – Entwicklung und regionale Verteilung, 1. Auflage 2012 , 122 Seiten (PDF)

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