Terminüberschreitung: Einleiten oder abwarten?

Ist der errechnete Geburtstermin mit Vollendung der 40. Schwangerschaftswoche erreicht, macht sich bei vielen Schwangereren Unsicherheit breit. Die bange Frage lautet: Ist das jetzt eine Übertragung und wie gefährlich ist das für mein Baby?

Terminüberschreitung vs. Übertragung

Dabei muss zunächst einmal zwischen der so genannten Terminüberschreitung und der Übertragung unterschieden werden. Einen genauen Stichtag bis zu dem die Geburt stattgefunden haben sollte, gibt es sowieso nicht. Laut der in Deutschland gültigen Leitlinie spricht man zwischen der vollendeten 37. und der vollendeten 42. Schwangerschaftswoche von einer „Reifgeburt“. Erst ab 42 + 0 Schwangerschaftswochen darf von einer Übertragung, im englischen auch „post term pregnancy“, gesprochen werden.

Deshalb ist es erstaunlich, das in Deutschland im Jahr 2016 jede 5. Schwangerschaft durch einen Einleitungsversuch beendet wurde. In 30% der eingeleiteten Geburten war die Indikation eine Terminüberschreitung. Grund für diese Praxis ist die Annahme, das ab dem errechneten Termin das Risiko für das Kind ansteigt, intrauterin zu versterben. Dieser Annahme entsprechend wurde im Jahr 2010 eine Leitlinie in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe veröffentlicht, die eine Einleitung  der Geburt ab 41+0 Schwangerschaftswochen empfahl und sich dabei auf internationale Stunden bezog.

Daten aus Baden Württemberg

Die Auswertung von Daten aus Baden Württemberg zeigte allerdings, das im Zeitraum bis 42 Schwangerschaftswochen nur sehr wenige Todesfälle vorgekommen waren. Daraufhin wurde die Empfehlung etwas gelockert. So sollten Frauen laut der aktualisierten Fassung von 2014 spätestens bei 41+3 eingeleitet werden, obwohl in der Leitlinie selbst ausgeführt wird, das mit einem erhöhten Risiko erst ab 42+0 zu rechnen sei.

Auch die WHO äussert sich zum Thema Einleitung. Sie fordert, das eine Einleitung (wie im übrigen auch sämtliche anderen Eingriffe in den Verlauf der Geburt) nur dann durchgeführt werden soll, wenn dafür eine klare medizinische Indikation vorliegt. Ausserdem müssen die erwarteten Vorteile größer sein, als die möglichen Nachteile. Diese Abwägung sollte immer erfolgen.

Was kann ich tun, wenn ein Einleitungsversuch empfohlen wird?

Als Mutter oder Paar ist es immer möglich, eine empfohlene medizinische Maßnahme zu hinterfragen.

Folgende Fragen können dabei helfen, zu klären, ob der Einleitungsversuch lediglich wegen einer Überschreitung des errechneten Geburtstermins erfolgen soll, ob es tatsächlich einen medizinischen Grund gibt oder es sich gar um einen Notfall handelt:

  • Muss der Einleitungsversuch sofort stattfinden?
  • Kann man noch warten?
  • Was sind die Vorteile?
  • Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten?
  • Was passiert, wenn man nichts tut?
  • Wie ist mein eigenes Gefühl zum geplanten Eingriff?

Zu Bedenken ist auch, das es unterschiedliche Möglichkeiten der Berechnung der Schwangerschaftsdauer gibt. Die auch heute noch übliche Berechnung des Geburtstermins auf der Grundlage der Naegleschen Regel geht von einer Schwangerschaftsdauer von 280 Tagen aus und stammt aus dem Jahr 1812.

Inzwischen wurde die Schwangerschaftsdauer durch Untersuchungen von Fleischmann (2010) bestätigt, aber Smith ermittelte im Jahr 2001 eine Dauer von 283 Tagen und Jukic errechnete im Jahr 2013 eine Dauer von 285 Tagen.

Abwägung Schaden oder Nutzen?

Unbestritten ist hingegen, das es Risikofaktoren für eine Totgeburt gibt, die zumeist auch in die Diskussion um die Terminüberschreitung einbezogen werden. Dazu gehört die echte Übertragung, ein verzögertes Wachstum des Babys im Bauch der Mutter, Diabetes, Übergewicht der Mutter, die ältere Mutter, besonders wenn sie das erste Kind erwartet und die Raucherin.

Die Abwägung, ob der Nutzen oder der mögliche Schaden eines Einleitungsversuches überwiegt, ist oft sehr schwierig und komplex. Auf keinen Fall sinnvoll ist ein routinemäßiges Vorgehen, a la… bei uns in der Klinik wird immer spätestens  ab ET + 10 eingeleitet. Erstens impliziert dies, das das Einleiten einer Geburt ein Routinevorgehen ist, das immer zum Ziel führt und zweitens übergeht dies die Tatsache, das leider noch immer keine ausreichenden Daten vorliegen, um die Sicherheit und den Nutzen dieses Vorgehens zu beweisen.

Aktuelle Daten aus Deutschland

So ergab eine Auswertung von knapp 6 Millionen Daten aus Deutschland, das das Risiko vor der Vollendung der 42. Woche eine Totgeburt zu erleiden, sehr gering ist. In die Auswertung sind die Angaben zu Einlingsschwangerschaften ohne Fehlbildungen ab der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche eingeflossen.

Die Wissenschaftler stellten fest, das trotz stark ansteigender Einleitungsraten seit dem Jahr 2010 die Anzahl der Totgeburten gleich blieb.

Erstaunlich war jedoch etwas anderes. Die Forscher stellten nämlich bei der Auswertung ihrer Daten ausserdem fest, das es seit dem Jahr 2010 zu einem Anstieg von Anpassungstörungen, Infektionen, Mekoniumspiration und anderen Erkrankungen gekommen ist. Und zwar bei eingeleiteten und nicht eingeleiteten Geburten.

Auf jeden Fall schlussfolgerten die Forscher, das sich anhand dieser Daten Einleitungsversuche allein auf Grund einer Terminüberschreitung nicht mehr rechtfertigen lassen.

Literatur:

Fetale Mortalität bei Einlingen ab Termin – eine Analyse bundesdeutscher Perinataldaten 2004–2013, C. Schwarz, E. Weiss, C. Loytved, R. Schäfers, T. König, P. Heusser, B. Berger, Z Geburtshilfe Neonatol 2015; 219(02): 81-86

 

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4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Ute.
    Danke, danke, danke für diesen Artikel! Besonders für die wissenschaftlichen Hintergründe dazu. Unser Sohn wurde 12 Tage später geboren – ohne Einleitung. Dafür mit mehr unnötiger Diskussion mit den Ärzten. Ich wollte damals keine Einleitung, weil es keinen medizinischen Grund gab.
    Ich habe den Link gleich an eine andere Betroffene weitergeleitet.
    Beste Grüße Konni.

  2. Danke für den tollen Beitrag. Ich wurde mehr oder weniger gezwungen am Et+10 einzuleiten, sonst „müssen Sie sich leider ein anderes Krankenhaus suchen“…. Mit dem Ergebnis, dass es nach über 24 Stunden Wehen und einem Muttermund der sich ganze 2 cm geöffnet hat mein zweiter Kaiserschnitt war. Direkt nach der Geburt durfte ich mir übrigens anhören, dass, sollte ich ein drittes Kind wollen, keine Experimente mehr gemacht werden sondern es einen Plankaiserschnitt geben wird. Na das werden wir dann schon noch sehen… 😉

  3. Vielen Dank für diesen Beitrag! Ich selbst habe ab ET+7 einen Nervenkrieg erlebt, der mich heute, zwei Jahre später, noch immer sprachlos zurücklässt. Mit der Terminüberschreitung wollte ich verantwortungsvoll umgehen und habe alle empfohlen Untersuchungen vornehmen lassen. Immerhin war es meine erste Schwangerschaft und ich entsprechend unsicher. Zuletzt war ich täglich im Krankenhaus. Es gab nie einen medizinischen Grund für eine Einleitung, wenn man von der bloßen Tagezählerei absieht. Und trotzdem hat mich dieser Kampf so wahnsinnig aufgerieben und erschöpft. Ich verstehe jede Frau, die irgendwann auf- und nachgibt. Meine Belohnung für das Durchhalten und dafür auf mich und mein Kind gehört zu haben bis ET+19 ist ein toll entwickeltes und robustes kleines Mäuschen, dass nie irgendwelche Anpassungsstörungen hatte.
    An all die tapferen Schwangeren da draußen: Vertraut euch und euren Kindern! Kämpft um die Gesundheit eurer Kinder und um eure eigene!

  4. Danke für deinen Artikel. Ich hab mich beim zweiten Kind auch gegen eine Einleitung entschieden. Ich bin einfach nach der Anmeldung nicht mehr in die Klinik, somit konnte mich auch keiner greifen und unter Druck setzen. Natürlich war in regelmäßiger Betreuung meiner Hebammen und Frauenärztin. Mein VBAC Mädchen kam vor zwei Wochen an ET +10 von ganz alleine und gesund auf die Welt.
    Es tut gut auch im Nachhinein noch einmal bestätigt zu bekommen dass es die richtige Entscheidung war zu warten!

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