Was macht eine Doula?

 

 

Kristina Bloedorn ist Mutter von drei Kindern und arbeitet seit 2007 als Doula.

Im Interview spricht sie über ihre Tätigkeit und erläutert, warum sie sich nicht als Konkurrenz zu den Hebammen sieht.

 

 

 

Kristina, seit wann gibt es den Beruf der Doula in Deutschland?

Doulas gibt es, seit es Menschen gibt. Es war schon immer so, dass Frauen andere Frauen während der Geburt begleitet und unterstützt haben. Die römische Hebamme brachte z.B. zur Geburt immer einige Frauen zur Unterstützung mit. Auch in der frühen Neuzeit war es üblich, dass mehrere Frauen zusammenkamen und die werdende Mutter während der Geburt begleiteten.

In den 70er Jahren haben sich die Kinderärzte John Kennell und Klaus Marshall, sowie die Psychotherapeutin Phyllis Klaus mit den positiven Auswirkungen der Doula beschäftigt. Die Studien zeigten, dass sich die Dauer einer Geburt im Durchschnitt um zwei Stunden verkürzt, die Kaiserschnitt-Rate um 50% sinkt, der Bedarf an schmerzstillenden Medikamenten geringer wird, Stress und Angstgefühle vermindert werden, der werdende Vater entlastet und unterstützt und die Paarbeziehung gestärkt wird, die Stilldauer sich verlängert, und die Mutter-Kind-Bindung gestärkt ist, wenn eine Doula die Geburt begleitet. 1989 und 2003/04 wurden die Studien wiederholt und brachten vergleichbare Ergebnisse.

Aber Doulaarbeit bedeutet nicht automatisch die Anwesenheit rund um das Thema Geburt. Ich habe eine Tante, die bis zum Tod meiner Oma ihre pflegebedürftige Mutter auf diesem Prozess begleitet und umsorgt hat. Auch das ist meiner Meinung nach Doula-Arbeit.

Was sind die Aufgaben einer Doula?

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Ich treffe die Familien in der Regel ca. 3 mal vor der Geburt.

Es ist mir sehr wichtig, die Familien in ihrem persönlichen Umfeld zu besuchen und ihnen zuzuhören und zu erfahren, was sie bewegt, welche Hoffnungen und Wünsche sie in sich tragen. Ich erstelle dann mit ihnen (wenn sie dies möchten) sehr spielerisch einen Geburtsplan. Der Wert liegt meiner Meinung nach nicht in der „Planung“, sondern in der Beschäftigung mit den verschiedenen Optionen. Wir schauen meist auch einen Film zum Thema Geburt und ich biete der Frau an, sie zu massieren. Das ist eine sehr intensive Zeit. Dann kommt die Rufbereitschaft und ich begleite sie während der ganzen Geburt und besuche sie später noch einmal im Wochenbett. Dabei überreiche ich ein Album, in dem ich die Geburt erzähle aus meiner Sicht an das Kind gerichtet.

Mir ist es wichtig, mich bei den Begleitungen ganz auf die Familien einzustellen. Es geht darum, dass ich sie in dem, was sie sich wünschen, unterstütze. Das beinhaltet auch, dass ich aushalten kann und muss, dass Familien ganz andere Entscheidungen treffen, als ich dies für mich und meine Kinder treffen würde.

Es kann manchmal sein, dass ich bei einer Geburt „nur“ die Hand halte und bei einer anderen Geburt braucht die Mutter sehr viel körperliche Unterstützung durch Massagen oder Positionswechsel etc. … Menschen sind sehr unterschiedlich. Und auch wenn die Bedürfnisse von gebärenden Frauen überall auf der Welt ähnlich sind, gibt es dennoch persönliche Unterschiede. Eine Frau geht in den Schichtdienst und sie tut das allein und es fühlt sich gut für sie an und sie ist nach der Geburt zufrieden und eine andere Frau möchte neben ihrem Mann noch ihre beste Freundin und ihre Mutter, eine Tante und ihre Hebamme und noch eine Doula um sich haben. Und davor und dazwischen und dahinter gibt es noch so viel mehr.

Wo ist die Grenze der Arbeit einer Doula und wo fängt die Arbeit der Hebamme an?

Ich mache keine medizinischen Untersuchungen, ich messe keinen Blutdruck, ich untersuche nicht vaginal, ich kann kein CTG auswerten,….

Wie finden die Frauen normalerweise ihre Doula?

Über das Internet. Es gibt meine eigene Webseite und wenn die Frauen unter den Stichwörtern „Doula“ und „Köln“ suchen, wird diese – neben meinen anderen Kolleginnen – angezeigt. Es gibt aber auch unseren Verein „Doulas in Deutschland e.V.“, der Doulas ausbildet und über den ich versichert und nach internationalem Standart zertifiziert bin.

Außerdem gibt es die Seite www.doula-info.de

Wieviele Geburten pro Jahr begleitest Du und wie schaffst Du es, diese Arbeit mit Deiner Familie in Einklang zu bringen?

Zur Zeit sind es nur ca. 2-3 Begleitungen pro Jahr, weil ich seit der Geburt meiner Tochter einfach noch mehr im Alltag eingespannt bin. Ich darf aber generell nicht mehr als 5 Geburten im Jahr begleiten, weil ich mich sonst selber krankenversichern müsste.
Ich habe sehr viele Anfragen und könnte mehr Geburten begleiten, aber ich habe mich bewußt entschieden, damit noch einige Zeit zu warten. Vor der Geburt meiner Tochter habe ich in der Regel 5 Geburten pro Jahr begleitet. Das bedeutet 5 Monate 24 Stunden am Tag abrufbereit zu sein. Ich muss dem alles sonst unterordnen.

Ich kann nur als Doula arbeiten, weil ich ein intensives Netzwerk an Menschen um mich herum habe, die mich unterstützen, sollte ich schnell weg müssen. Meine Kinder gehen alle bis zum Nachmittag in die Schule und in den Kindergarten.

Was kostet es, eine Doula zu engagieren?

450 Euro kostet das Doulapaket in der Regel, manche Frauen nehmen mehr Geld oder – selten – auch weniger. Der Verein Doulas in Deutschland e.V. übernimmt bei schwierigen finanziellen Verhältnissen die Summe, damit auch Frauen, die nicht so viel Geld haben, eine Doula engagieren können, sollten sie dies wollen.

Wie haben Deine eigenen Geburten Dich und Deine Arbeit als Doula geprägt?

Ohne meine Kinder wäre ich wahrscheinlich nicht Doula geworden, obwohl mich das Thema schon seit ich ein kleines Mädchen war, fasziniert hat. Ich bin in einer großen Familie geboren. Meine Mutter hat 5 Kinder zur Welt gebracht, davon einmal Zwillinge (vaginal geboren). Gebären war irgendwie selbstverständlich.

Ich würde sagen, dass mich die zweite Geburt besonders zur Doulaarbeit gebracht hat, weil ich daraus so viel über mich und das Thema Geburt gelernt habe.

Mein erster Sohn sollte außerklinisch geboren werden, aber das Geburtshaus hat mich gegen Ende der Schwangerschaft wegen einer Fußlage an die Klinik überwiesen. Dort durfte ich die Geburt normal beginnen, weil mein Sohn bei Wehenbeginn gehockt saß und der Po führend war. Mein Kind hat dann – entgegen aller Wahrscheinlichkeiten – bei 6 cm Muttermundseröffnung die Füße durchgedrückt. Und das geburtshilfliche Personal wollte bei einer Erstgebärenden mit Kind in reiner Fußlage keine vaginale Geburt machen. Er war ein sehr zartes und kleines Kind. Ich werde nie vergessen, wie gut ich mich gefühlt habe, als dieses warme weiche Wesen auf meiner Brust lag. Ich habe ihn in der Nacht geboren. Bei dieser Geburt hatte ich sehr liebevolle und warmherzige Geburtsbegleiter um mich und ich habe diesen Kaiserschnitt in sehr guter Erinnerung.

Bei der zweiten Geburt war genau dies anders. Und das hat dazu geführt, dass ich traumatisiert zurück blieb. Ich wollte auch da wieder außerklinisch gebären, weil ich aber zunächst mit Zwillingen schwanger war, durfte ich das nicht. Leider habe ich Ende des dritten Monats dann eines der Kinder verloren.

Ich bin danach auf eine lange Reise gegangen und habe versucht herauszufinden, was mir wichtig ist, um gut gebären zu können.
Dies war notwendig, um mein drittes Kind spontan und in Liebe und ohne Probleme zur Welt bringen zu können.

Wie konntest während der dritten Geburt (einer Hausgeburt?) mit zwei Kaiserschnitten in der Vorgeschichte mit Deinen Ängsten umgehen?

Meine Tochter kam ganz bewußt in einer Klinik zur Welt. Viele Menschen vermuten aber eine Hausgeburt, weil sie meine Einstellung zur klinischen Geburtshilfe kennen und auf bauchgeburt.de lesen, dass ich in der tiefen Hocke geboren habe. Ich habe seit der zweiten Geburt Schmerzen an der Narbe der Gebärmutter. Und deshalb war dies eine ganz gezielte Entscheidung von meiner Seite. Diese Entscheidung habe ganz allein ich getroffen. Aber ich habe mich damit vorher sehr lange beschäftigt, bin gereist, habe Fachleute zu diesem Thema gehört, habe gelesen, geforscht, in mich selber gehört, …. das war ein Prozess, den Weg zu finden, der für mich gut ist. Und bin sehr zufrieden mit meinem Weg. Ich konnte mit viel Selbstbewußtsein meine Wünsche vertreten. Und ich hatte eine sehr sinnliche und befreiende Geburtserfahrung. Es war eine der schönsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben. Ich habe aber das Glück, dass ich hier eine ganz besondere Klinik in der Nähe habe, die meinen Wunsch sehr unterstützt hat und eine alternative Geburtshilfe anbietet.

Hat sich nach der dritten Geburt etwas an Deiner Doula-Arbeit verändert?

Nein – abgesehen von der Tatsache, dass ich nun selber weiß, wie es ist, eine Doula während der Geburt zu haben. :o)

Begleitest Du viele Frauen mit Kaiserschnitt(en) in der Vorgeschichte?

Ja. 3/4 aller Anfragen sind Frauen mit Kaiserschnitten in der Vorgeschichte. Und mit wenigen Ausnahmen haben danach alle Frauen vaginal geboren.

Wie können insbesondere diese Frauen nach vorherigem Kaiserschnitt von Deiner Arbeit profitieren?

Ich denke, es ist die Möglichkeit, dass ich sie dabei unterstütze, diesen Prozess so selbstbestimmt wie möglich zu gehen und die Informationen zu bekommen, die sie möchten. Ich betone immer, dass dies ein äußerer und innerer Prozess ist. Gute Geburtshelfer sind wichtig, weil eine schlechte Geburtshilfe Frauen verunsichern kann und sie im natürlichen Strom der Hormone stört. Ihre Chancen auf eine spontane Geburt sinken, wenn sie z.B. Angst haben müssen oder sich gestört fühlen. Aber es ist auch ein innerer Prozess, den die Frau zulassen muss, besonders wenn es vorher andere Geburtserlebnisse gab, die nicht so gut verlaufen sind. Und es ist wichtig, sich Zeit zu geben und genau zu schauen. Wenn Frauen sich selber davor verschließen, dann ist eine spontane Geburt schwieriger.

Kannst Du bei der Verarbeitung von traumatischen Kaiserschnitten behilflich sein?

Ich bin da vorsichtig: ich bin keine Psychologin und finde es wichtig (ähnlich wie bei dem Bezug auf Hebammenarbeit) die Grenzen zu wahren. Das ist mir sehr wichtig! Außerdem freue ich mich, dass ich diesbezüglich in Köln an eine tolle Frau (www.winyan.de) verweisen kann. Aber natürlich kann meine Begleitung indirekt oder direkt Teil der Verarbeitung sein. Und ich habe ja in der Ausbildung und auch durch meinen Leben als Mutter und natürlich durch meine eigenen Geburtserfahrungen sehr viel gelernt und kenne Möglichkeiten, die Frauen auf dem Weg der Heilung nach einem traumatischen Geburtserlebnis helfen können. Manchmal sind es ganz einfache Worte, die wie eine Heilsalbe wirken können und Tränen ins Rollen bringen, um an der Seele zu gesunden.

Erlebest Du eine Veränderung der Anfragen, seitdem viele freiberufliche Hebammen ihren Beruf aufgegeben haben?

Nein, ich kann das nicht bestätigen. Ich habe außerdem von Anfang an immer ca. 50% Nachfragen gehabt von Frauen, die außerklinisch gebären wollten oder eine 1:1-Begleitung durch eine Hebamme bereits sicher hatten (z.B. Beleggeburten). Viele Menschen denken, dass wir nun diese Lücken füllen würden, die unser Gesundheitssystem mit dem Stellenabbau und den Schließungen kleiner geburtshilflicher Abteilungen und der „Ausrottung“ des Hebammenberufes verursacht.

Ich kann, will und darf aber keine Lücken füllen, die durch den Hebammenmangel entstehen.
Manche meiner Kolleginnen sehen das anders als ich, aber ich glaube, dass es ja das System war, was in den 50er Jahren dafür gesorgt hat, dass Geburten aus den eigenen vier Wänden in den Kreißsaal gewandert sind. Und dadurch hat sich das Geflecht an Menschen verändert, welches bei Geburten anwesend war. Nun sind es die Frauen, die sich das zurückholen, was ihnen einst genommen wurde.

Ich fülle keine Lücken. Ich besetze nur wieder den Platz, von dem ich verdrängt wurde – sofern eine Frau mich auf diesem Platz neben sich wünscht. Dieser Platz war lange Zeit leer. Aber ich nehme ihn keiner Hebamme weg.
Sie wurden und werden auch verdrängt – aber von dem Stuhl, auf dem „Hebamme“ steht. Nicht „Doula“. Ich kann nichts dafür, dass es dieser Berufsgruppe so schlecht geht und auch die Schwangeren können nichts dafür.

Und ich setze mich an allen Stellen dafür ein, diesen Beruf zu erhalten und habe die Proteste der letzten Monate und Jahre aktiv mitgestaltet.

Als Initiative „Kölner GeburtsTag“ hatten wir zum Beispiel Gespräche mit Politikern und auch eine Anhörung im Landtag NRW, um aus Sicht der Eltern von den Risiken eines Hebammenmangels zu berichten. Ich betone als Doula immer die Wichtigkeit der Hebammenarbeit. Viele Frauen wissen z.B. gar nicht, dass Hebammen auch Vorsorgen machen können.

Ich habe im Bezug auf Hebammen nie wirklich schlechte Erfahrungen gemacht. Aber im Bezug auf meine journalistische Arbeit für den Verein sind mir sehr viele Vorurteile begegnet und ich wundere mich immer, wie Hebammen in einem Atemzug die Wichtigkeit der Selbstbestimmung unter der Geburt nennen und dann im Bezug auf eine Begleitung durch eine Doula äußern, die Frauen bräuchten „das“ nicht.

Je selbstbewußter eine Hebamme ist und je sicherer sie sich dem Wert ihrer Arbeit ist, um so mehr wird sie den Bedarf an Doulas sehen und zulassen können.
Ich denke, dass die Doula-Arbeit in den nächsten Jahren immer bekannter werden wird und es auch jetzt schon mehr ist, als vor 13 Jahren, als ich selber zum ersten Mal schwanger war. Zu dem Zeitpunkt gab es noch keine Doula in Köln. Und ich hoffe und wünsche mir, dass jede Frau, die eine Doula an ihrer Seite möchte, dann eine bekommen kann.

Was ist Deine Vision für die Zukunft?

Wenn Frauen alt werden und vielleicht dement sind, dann wissen sie nicht mehr, wie man die Uhr liest oder mit Messer und Gabel ißt. Aber an die Geburten ihrer Kinder können sie sich ganz oft noch bis zum letzten Atemzug erinnern. Schwangerschaft und Geburt sind so kostbare und einzigartige Erlebnisse. Und meine Hoffnung und mein Wunsch ist es, dass sich Frauen auch noch viele Jahrzehnte nachdem sie geboren haben, mit guten und glücklichen Gedanken an diese Momente zurück erinnern. Eine gute Geburt ist ein Menschenrecht und es wäre so wichtig, wenn mehr Menschen dies ernst nehmen und sich darüber bewußt werden würden.

Kristina engagiert sich ausserdem für eine frauengerechte Geburtskultur in Deutschland und hat deshalb gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen (Anette Heidkamp und Nicole Ebrecht-Fuß) den KölnerGeburtsTag ins Leben gerufen. Ausserdem entstand die sehr informative Seite www.bauchgeburt.de

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