Wenn der Kaiserschnitt seelische Narben hinterläßt: Ein Interview mit Judith Raunig

Judith Raunig

Liebe Judith,

Du bist Psychologin und Trainerin, hast selbst zwei Kinder und begleitest Frauen und Paare nach einem Kaiserschnitt.

Wie kam es dazu?

Zuerst begann alles mit meinem eigenen Kaiserschnitt 2007. In der Auseinandersetzung mit dieser Geburt habe ich festgestellt, dass es kaum Angebote für Frauen und Paare nach einem Kaiserschnitt gibt.

Keine Beratungsstellen, kaum ein therapeutisches Angebot oder Tips für eine mögliche Folgegeburt. Mit schien, als wäre dieses Thema komplett tabuisiert. Da dachte ich, wenn es für so ein wichtiges Thema kein Angebot gibt, muss ich wohl selbst eines entwerfen.

Welche Frauen wenden sich an Dich?

Frauen, die nach einem Kaiserschnitt bemerken, dass sie dadurch noch belastet sind, die bemerken dass es Schwierigkeiten in der Bindung zum Kind oder in der Beziehung zum Partner gibt, die seit der Geburt bestehen. Oder Frauen, die sich Sorgen um eine mögliche zweite Schwangerschaft und Geburt machen.

Bereitest Du Frauen auch auf die nächste Geburt vor oder geht es bei Dir rein um die Verarbeitung?

Ja, das mache ich sehr gerne. Die Aufarbeitung der Kaiserschnittgeburt ist wichtig, und meiner Meinung nach die Basis für eine gute Schwangerschaft und zweite Geburt. Allerdings ist es immer möglich, dass dann in der Folgeschwangerschaft Ängste oder Sorgen auftreten.
Wichtig ist dabei nur, dass jemand nicht erst in der letzten Sekunde kommt, ideal wäre es vor Beginn der Folgeschwangerschaft oder im ersten Schwangerschaftsdrittel.

Wie läuft so eine Begleitung ab?  Wieviele Sitzungen braucht es?

Das ist vollkommen unterschiedlich. Manche Frauen bearbeiten den Kaiserschnitt und bleiben dann weiter bei mir um mit anderen Themen weiter zu machen. Eine belastende oder auch traumatische Geburt kann in 3 Stunden aufgelöst sein, einem Wochenendseminar bei mir, oder es kann mehrere Monate dauern. 
Leider ist es für viele Frauen schwer vorstellbar, die Geburt innerhalb einer Gruppe mit anderen Betroffenen zu bearbeiten, daweil ist das meiner Meinung nach oft die effizienteste Form- die Mehrheit der Teilnehmerinnen braucht nach einem Seminar keine weitere Unterstützung mehr.

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Ich habe von Dir gelesen, daß es in Deinen Seminaren auch um die Versöhnung mit dem Erlebten geht. Stimmt das?

Ja, genau! Die Versöhnung mit dem Erlebten ist die logische Konsequenz aus einer guten Verarbeitung. Wie lange es braucht um dort hin zu kommen, ist sehr unterschiedlich. Ich glaube, man sollte sich „Versöhnung“ nicht als Ziel setzen, wenn die Geburt aufgearbeitet wird, tritt irgendwann Versöhnung ein…

Wenn eine Mutter jedoch in einer Klinik oder zu Hause eine Gewalterfahrung während der Geburt erlebt hat, wenn Sie einen Kontrollverlust oder massive gewaltsame Eingriffe erlebt hat, wo ganz klar über ihre Grenzen oder sogar ihren Protest hinweg gegangen wurde, wie kann man sich mit einer derartigen Erfahrung versöhnen? Da ist ja oft auch ganz viel Wut oder Hass auf die Urheber da.

Ja, klar- da gibt es starke, heftige Gefühle. Diese müssen zuerst wahrgenommen, gefühlt und manchmal auch ausgedrückt werden. Dann kommt die Anerkennung dieser Gefühle: Viele Frauen müssen erst lernen, dass sie enttäuscht, traurig oder wütend sein dürfen- denn oft gibt es den insgeheimen Glaubenssatz: „Wenn ich traurig bin über die Geburt meines Kindes, dann freue ich mich zu wenig darüber, also bin ich eine schlechte Mutter.“ Oft geben sich Frauen auch selbst die „Schuld“ für die enttäuschende Geburt- nach dem Motto: „Ich habe mich zu wenig angestrengt, sonst hätte ich das doch geschafft.“

Die weit größere Herausforderung ist nach meiner Erfahrung nicht, den Urhebern zu verzeihen, sondern sich selbst. 
Ich arbeite sehr lösungsorientiert- zuerst kommt der Schritt „Was wurde mir angetan“ und „Was hat das mit mir gemacht?“ In weiterer Folge ist es aber meist sehr sinnvoll, wenn die Frage steht: „Was möchte ich mir aus dieser Erfahrung mitnehmen?“ oder „Was habe ich gelernt?“
Ist eine Frau im klinischen Sinn traumarisiert, muss eine gezielte traumtherapeutische Behandlung erfolgen- der Körper muss verstehen: „Es ist vorbei, jetzt bin ich in Sicherheit.“

Manchmal treffen Frauen selbst bei ihren Partnern auf Unverständnis. Sie können mit ihnen nicht über das Erlebte sprechen. Vielleicht hören sie: „sei froh, daß Du ein gesundes Kind hast“. Was bedeutet das für die Beziehung und versuchst Du die jeweiligen Partner mit einzubeziehen.

Es ist sehr häufig- und auch ganz logisch, dass Mütter und Väter die Geburt anders erleben und auch bewerten. Für viele Väter stimmt der Satz „Hauptsache das Kind ist gesund“. Zwei Menschen erleben das selbe Ereignis- aber aus einer komplett anderen Perspektive und da ist es auch legitim, dieses unterschiedlich zu beurteilen. Ein Problem wird es dann, wenn die beiden versuchen, sich gegenseitig von ihrer Sicht zu „überzeugen“. Die meisten Müttern reagieren mit Verletzung und Kränkung wenn sie vom eigenen Partner dann diesen Satz zu hören bekommen.

Im Idealfall kommt ein Paar gemeinsam zu mir zu einem Seminar- da habe ich die Möglichkeit, am ersten Abend auch mit den Vätern zu arbeiten und das Paar dabei zu unterstützen, für die jeweils andere Sichtweise Akzeptanz zu entwickeln. Die Reflexion der eigenen Gedanken und Gefühle im Kreise des eigenen Geschlechts ist für viele Männer eine ganz neue und wichtige Erfahrung, die auch das Verständnis gegenüber der eigenen Frau enorm fördern kann. 
Immer wieder höre ich dann am dritten und letzten Tag des Seminars, dass das Paar zum ersten Mal „so richtig“ über die Geburt sprechen konnte und vieles in nur kurzer Zeit wieder aufgelöst werden konnte.

Wie kann ich als Mutter erkennen, daß ich mir unbedingt professionelle Hilfe suchen sollte?

Es gibt Anzeichen, die auf eine Posttraumatischen Beratungsstörung hindeuten: Das wären zum Beispiel immer wiederkehrende plötzliche Erinnerungen an die Geburt (Flashbacks), Gefühl von Betäubt-sein, Teilnahmslosigkeit oder fehlende Freude, Vermeidung von Situationen die an das Erlebnis erinnern können, erhöhte Schreckhaftigkeit…etc.)

Allerdings müssen diese Symptome nicht vorhanden sein und trotzdem ist die Frau traurig, wütend oder einfach sehr enttäuscht, wenn sie an ihre Geburt zurück denkt und dadurch in ihrem Alltag beeinträchtigt. 
Ich möchte Frauen Mut machen, sich Hilfe zu holen, wenn sie das Gefühl haben, sie sind noch nicht im Frieden mit der Geburt- denn meist ist es kein großer Aufwand, dafür aber ein extremer Zuwachs an Lebensqualität.

Wenn ich meiner Umgebung keinen Therapeuten finden, was kann ich selbst tun?

Es gibt einiges. das man selbst machen kann. Ich denke das Wichtigste ist die liebevolle Zuwendung der eigenen Person gegenüber. Gespräche machen dann Sinn, wenn sie mit Personen stattfinden, von denen sich die Frau respektiert und /oder verstanden fühlt. Auch mit der Narbe kann ich selbst arbeiten, indem ich ihr jeden Tag ein paar Minuten wohlwollende Aufmerksamkeit schenke- das kann durch Berührung sein, muss aber nicht. 
Und zum Glück ist der Körper und die Psyche so ein Wunderwerk, dass er die meisten Belastungen auch selbst wieder heilen kann. Allerdings ist es mit professioneller Unterstützung wesentlich effektiver.

Also: Wochenende frei nehmen, in den Zug setzen und mein Kaiserschnittseminar besuchen 🙂

Ich habe von Frauen gehört, die auch bei Psychologen mit ihren Erlebnissen auf Unverständnis gestoßen sind. Teilweise herrscht ja auch dort immer noch das Vorurteil, daß der Traumabegriff zu weit gefasst ist und „Geburt“ als Ereignis nicht als traumatisch erlebt werden kann. Woran erkenne ich einen guten Therapeuten?

Ja, das habe ich auch immer wieder gehört und es schockiert mich zutiefst. Leider haben auch einige TherapeutInnen oder PsychologInnen nicht das nötige Wissen über Psychotraumatologie.
Ein Ereignis ist NIE per se traumatisch- traumatisch ist, was sich in der Person als Reaktion ereignet. Ich kann also als Frau auch von einem- objektiv betrachtet „harmlosen“ Vorfall rund um die Geburt traumatisiert sein, wenn gewissen Faktoren zusammen kommen.
Das bedeutet in weiterer Folge, dass Traumatisierung etwas individuelles ist und theoretisch immer stattfinden kann- bei einem Hundebiss, Zahnarztbesuch, Autounfall oder bei einer Geburt…

Was ist generell für die Mütter, die einen unfreiwilligen oder traumatischen Kaiserschnitt erlebt haben, wichtig?

Diese Frage würde eine sehr umfangreiche Antwort erfordern- ich versuche es zusammenzufassen auf: 
*Anerkennung der eigenen Gefühle und Ausdruck dieser, 
* Das Gefühl, verstanden und akzeptiert zu werden
* Die Erkenntnis dass es anderen ähnlich ergeht und dadurch die eigene Reaktion „normal“ bzw. angemessen ist. 
* viele Infos zum Thema Narbe, Bonding, Vater und Kaiserschnitt 
* viele wichtige Infos in Bezug auf eine mögliche Folgegeburt
Sollte eine Frau Anzeichen einer Traumarisierung haben, ist es in jedem Fall wichtig, dies von einer qualifizierten Fachperson behandeln zu lassen- also einer TherapeutIn/PsychologIn die darauf spezialisiert ist.

Du hast gemeinsam mit Mirjam Unger einen sehr berührenden Film gedreht. Er heißt „Meine Narbe“ und ist bei flimmit (als download) und im ORF-Shop (als DVD) verfügbar.
Hast Du den Eindruck, daß der Film, bei den Hebamme oder Ärzten, die den Film gesehen haben, zum Nachdenken über den Umgang mit Frauen während der Geburt geführt hat?

Ja, auf jeden Fall!
Es macht mich immer wieder sehr zufrieden und froh, wenn mir KlientInnen erzählen, dass sie im Spital Gespräche von Ärztinnen oder Hebammen mitgehört haben, die sich über unseren Film unterhalten haben. Oder wenn mir erzählt wird, dass in der einen oder anderen Klinik plötzlich versucht wird, nach Kaiserschnitt auch ein gutes Bonding zu ermöglichen.

Manchmal bekomme ich auch emails von GeburtshelferInnen, die mir erzählen, was der Film bewirkt hat. Bei einer Podiumsdiskussion nach einer Filmvorführung kam einmal eine Ärztin zu mir, die meinte, sie hätte Jahre lang gewissen Handgriffe routinemäßig durchgeführt und es war ihr nie bewusst, wie diese von Frauen empfunden werden können. Durch unsern Film würde sie ihre eigene Arbeit nun viel mehr reflektieren.

Was möchtest Du Frauen, die überlegen, ihre Geburtserfahrung aufzuarbeiten, mit auf den Weg geben?

Der erste Schritt – nämlich sich Hilfe zu holen, ist der Schwerste, dann läuft alles von selbst…

 

Ich danke Dir sehr herzlich für dieses Interview liebe Judith

Kontakt: 
Mag. Judith Raunig
Klinische-und Gesundheitspsychologin
Trainerin 
EMDR Behandlerin

www.nach-dem-kaiserschnitt.at


info@nach-dem-kaiserschnitt.at

 

„Meine Narbe“ ist erhältlich unter:
als DVD im ORF-Shop: 
https://shop.orf.at/1/shop.tmpl?art=6545&lang=DE
als Download:
vimeo on demand:

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