„Niemand kann Mich zu einem Kaiserschnitt zwingen!?“

weinendes Neugeborenes nach Kaiserschnitt

„Niemand kann mich zu einem Kaiserschnitt zwingen, so lange ich das nicht möchte!“
Aber ist es wirklich so einfach, einen Kaiserschnitt zu verweigern?

Vor Kurzem schrieb mir Michaela. Sie hatte bereits zwei Kaiserschnitte hinter sich und strebt beim 3. Kind eine natürliche Geburt an. Leider lehnen sämtliche Kliniken in ihrer Nähe die Begleitung wegen dieser Vorgeschichte ab.

Anstatt weiter entfernt liegende Kliniken anzufragen, überlegt sie, mit Wehen in die nächstgelegene Klinik fahren und dort entgegen dem Rat der Ärzte ihr Kind auf natürlichem Weg zur Welt bringen. Sie ist sich sicher: „Niemand kann mich zu einem Kaiserschnitt zwingen, so lange ich das nicht möchte!“

Diesen Satz lese ich häufiger in Foren und Diskussionen.

Aber ist es wirklich so einfach, einen Kaiserschnitt zu verweigern? 

Rechtlich gesehen ist die Aussage von Michaela klar. Kein Arzt darf einen Kaiserschnitt ohne vorherige Aufklärung und das Einverständnis der Mutter, vornehmen.

(Mit den Ausnahmen beschäftigt sich ein Artikel im Ärzteblatt mit dem Titel: Fürsorge oder Selbstbestimmung (1).)

Dennoch berichten Mütter immer wieder über Kaiserschnitte, die sie ausdrücklich nicht wollten.

Sie können sich auch im Nachhinein kaum erklären, warum sie im OP-Saal landeten, obwohl es aus medizinischer Sicht durchaus Alternativen zur operativen Geburt gegeben hätte.

Dabei ist die Vorstellung, ein Geburtshelfer könnte die zappelnde und protestierende Mutter mit Gewalt und ohne ihr Einverständnis in den OP karren, unrealistisch. Vielmehr stimmten diese Mütter dem Kaiserschnitt zu. Manche machten sich aber später schwere Vorwürfe.

Und wie kann es dazu kommen? 

Die meisten Mütter können sich vor der Geburt gar nicht vorstellen, in eine derartige Situation zu geraten. Eine Situation, in der sie einem ungewollten Kaiserschnitt zustimmen, weil sie in dem Moment keine andere Möglichkeit sehen, ihr Kind zur Welt zu bringen.

Im folgenden Text möchte ich deshalb vier Szenarien beschreiben, die zu derartigen Situationen führen können. 

Es soll jedoch ausdrücklich NICHT darum gehen, medizinisch indizierte Kaiserschnitte zu kritisieren, die der Erhaltung von Leben und Gesundheit von Mutter und Kind dienen.

Szenario 1:

Müttern, die sich über die Möglichkeiten einer Geburt nach Kaiserschnitt(en) informieren, wird in Kliniken zunächst Unterstützung signalisiert. Diese Unterstützung wird jedoch an unrealistische Bedingungen geknüpft, die den Weg zu einem erneuten Kaiserschnitt bahnen. 

Zum Beispiel, wir begleiten sie, wenn:

  • das Kind im Ultraschall geschätzt, nicht über 4000g wiegt
  • die Geburt spätestens am ET oder bis ET+3, ET+5  beginnt
  • die Eröffnungsperiode mit mindestens 1 cm pro Stunde voran schreitet 
  • die Eröffnungsperiode maximal x Stunden dauert
  • die Pressperiode maximal eine Stunde dauert

Läßt sich eine Mutter auf diese Vorgaben ein, wird ein (erneuter) Kaiserschnitt von vornherein relativ wahrscheinlich. Warum? Weil sich natürliche Geburten nicht an Regeln halten und auch unkomplizierte Geburten häufig von diesen „Normwerten“ abweichen.

Szenario 2:

Die Mutter wird vor oder während der Geburt unter Druck gesetzt, einem Kaiserschnitt zuzustimmen

Während der Schwangerschaft oder im Verlauf der Geburt kann es zu gewissen Abweichungen vom „Normalverlauf“ kommen. Das ist nichts Schlimmes und es muss auch nicht auf mögliche Probleme hindeuten.

In solchen Fällen tendieren manche Kliniken bzw. Ärzte trotzdem relativ rasch zum wiederholten Kaiserschnitt, um sich abzusichern. Vor allem, wenn die Arbeitsbelastung hoch ist oder der diensthabende Arzt über geringe Erfahrung in der Begleitung komplexerer Geburtsverläufe verfügt, kann die Entscheidung zum Kaiserschnitt schnell gefällt sein. Manchmal passiert das, ohne die Eltern in die Entscheidung einzubeziehen oder Alternativen zu nennen. Im Gegenteil sehen sich die Betroffenen manchmal massivem Druck ausgesetzt, dem Kaiserschnitt zuzustimmen.

Mütter haben mir berichtet, dass sie Sätze, wie „Sie wollen doch nicht, dass ihr Kind jetzt stirbt!“ oder „Sie bringen ihr Kind in Lebensgefahr!“ gehört hätten. Die später angeforderten Geburtsberichte ließen keine Rückschlüsse auf eine akute Notsituation zu, zumal weder ein Notkaiserschnitt noch eine eilige Sectio durchgeführt worden war.

Aber welche Mutter oder welcher Vater würde unter diesen Umständen einen Kaiserschnitt ablehnen oder darüber diskutieren?

Kaum eine Mutter oder ein Paar hat das medizinische Wissen, selbst einzuschätzen, wie dringlich der empfohlene Kaiserschnitt tatsächlich ist.

Szenario 3:

Mangelnde Begleitung

Folgegeburten nach einem vorherigen Kaiserschnitt können schnell und reibungslos ablaufen. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Manche Mütter mit dieser Vorgeschichte haben Ängste und benötigen bei der nächsten Geburt umfassende Begleitung. Sie suchen die Klinik aber auch deshalb auf, damit im Notfall schnell eingegriffen werden kann.

Kommt es zu einem längeren Geburtsverlauf, benötigen diese Mütter die Unterstützung des geburtshilflichen Teams.  Es ist selbstverständlich wichtig, dass die Geburtshelfer die Geburt aufmerksam begleiten und bei etwaigen Komplikationen eingreifen. Zieht sich die Geburt in die Länge, aber Mutter und Kind geht es gut, kann die Geburt weiter begleitet werden. Aber in diesen Fällen hängt der Ausgang der Geburt von der Geduld und vom Engagement der Ärzte und Hebammen ab.

Wird der Mutter diese Unterstützung und Begleitung versagt oder im Gegenteil schnell zum erneuten Kaiserschnitt geraten, wird sie kaum dazu in der Lage sein, sich dagegen zu wehren.

Insbesondere, wenn eine Klinik die Begleitung einer natürlichen Geburt nach einem oder mehreren Kaiserschnitten bereits abgelehnt hat wird die Mutter dort keine Unterstützung erhalten, sondern dem Druck einem erneuten Kaiserschnitt zuzustimmen, selten standhalten können.

Szenario 4

Bewußte Angstmache und Falschinformation

Leider muss ich auch auf diesen Punkt zu sprechen kommen. Obwohl fast alle niedergelassenen Gynäkologen, Klinikärzte und der Hebammen Mütter sorgfältig und nach bestem Wissen und Gewissen und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft beraten, gibt es Ausnahmen.

So erhielt ich während meiner Vorbereitung auf eine natürliche Geburt nach zwei Kaiserschnitten von einer Kollegin folgende fehlerhafte Information: „Eine natürliche Geburt nach zwei Kaiserschnitten lehne ich ab und halte sie für unverantwortlich. Die Ruptur-Rate liegt nach zwei Kaiserschnitten bei 20%.“

Auf meine Frage nach entsprechender Literatur musste sie passen. Zu den tatsächlichen Risiken einer solchen Geburt entstand später ein Blogartikel.

Auch Mütter, deren Kinder sich in Beckenendlage befinden, werden manchmal von ihrem Arzt vor einer natürlichen Geburt gewarnt. Der Kaiserschnitt sei der einzig sichere und mögliche Weg der Geburt für ihr Kind, so die Aussage mancher Ärzte. Kein Wort darüber, daß dies längst nicht mehr dem aktuellen Stand der Medizin entspricht (3). Kein Wort darüber, daß es Geburtskliniken gibt, die Geburten aus Beckenendlage begleiten.

Und was hilft es mir, wenn ich das jetzt weiß? 

Ich schreibe diesen Text nicht, um Mütter zu verunsichern. Die gute Nachricht ist, dass wir den meisten der beschriebenen Situationen nicht hilflos ausgeliefert sind.

Welche Möglichkeiten gibt es, einen Kontrollverlust und / oder einen ungewollten Kaiserschnitt zu vermeiden? 

  1. Es besteht fast immer die Möglichkeit, wenn ich mit dem vorgeschlagenen Vorgehen zur Geburt nicht einverstanden bin, eine Zweit- oder Drittmeinung einzuholen.
  2. Es ist wichtig, die Geburtsklinik sorgfältig auszuwählen. Kliniken haben oftmals sehr unterschiedliche Vorgehensweisen. Es lohnt sich, in mehreren Kliniken Termine zu vereinbaren und genau nachzufragen, ob und wie sie Geburten nach Kaiserschnitt(en) begleiten. Eine Checkliste für das Vorgespräch habe ich hier zusammengesellt.
  3. Es ist hilfreich sich bei der Geburt durch eine Vertrauensperson begleiten zu lassen, die die Interessen der Mutter wahrnimmt, wenn es zu einer schwierigen Situation kommen sollte.
  4. Mütter, die einen Geburtsplan erstellt haben, erleben seltener, dass sie übergangen werden.
  5. Je besser informiert eine Mutter ist, um so eher kann sie auf Augenhöhe mit Ärzten und Hebammen sprechen und die Chance, in die Entscheidungen einbezogen zu werden, ist größer.

Hier noch eine kleine Anleitung für Fragen, die in den allermeisten Situationen zumindest teilweise gestellt werden können und helfen, eine Entscheidung zu treffen: 

  1. Muss der Eingriff jetzt sofort sein, oder können wir noch ein bisschen warten?
  2. Gibt es Alternativen? Wenn ja, welche?
  3. Welche Folgen hat dieser Eingriff für mich und mein Kind? Jetzt und später?
  4. Was passiert, wenn man nichts tut?
  5. Wie ist mein Gefühl dazu?

Ausserdem, wenn eine Entscheidung nicht unter Zeitdruck gefällt werden muss:

Welche wissenschaftlichen Studien / Evidenzen gibt es für das vorgeschlagene Vorgehen?

Was würde der Arzt/ die Hebamme bei der eigenen Frau/ Kind/ jemandem aus der Familie vorschlagen?

Mit diesem Vorgehen kann man sich ein Stück weit gegen einen ungewollten Kaiserschnitt wappnen, auch wenn man nie ganz ausschließen kann, dennoch in eine derartige Situation zu geraten.

Aber je besser vorbereitet frau in die Geburt geht, um so geringer ist die Chance, einen Kontrollverlust zu erleben oder bei geburtshilflichen Entscheidungen übergangen zu werden.

Michalea entschloss sich am Ende doch, eine weiter entfernt liegende Klinik aufzusuchen. Sie fühlt sich in dieser Klinik in ihrem Wunsch ernst genommen und weiß, wenn sie dort einen Kaiserschnitt bekommt, hat das einen wichtigen medizinischen Grund. Und damit kann sie gut leben.

 

Einladung Mentalkurs

 

Literatur:

  1. Dtsch Arztebl 2012; 109(18): A 918–21
  2. Alfirevic Z, Devane D, Gyte GML, Cuthbert A. Continuous cardiotocography (CTG) as a form of electronic fetal monitoring (EFM) for fetal assessment during labour. Cochrane Database of Systematic Reviews 2017, Issue 2. Art. No.: CD006066. DOI: 10.1002/14651858.CD006066.pub3
  3. Impey LWM, Murphy DJ, Griffiths M, Penna LK on behalf of the Royal College of Obstetricians and Gynaecologists. Management of Breech Presentation. BJOG 2017; 124: e151e177.

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